Kennt ihr Campus Galli? Mittlerweile dürfte das Projekt gar nicht mehr so unbekannt sein. Immerhin verzeichnet es jährlich stark steigende Besucherzahlen. Es ist schon eine Weile her, dass ich dort war. Jedoch hat der Ausflug so starken Eindruck auf mich gemacht, dass ich gerne ein paar meiner Eindrücke hier teilen möchte.

Beim Campus Galli handelt es sich um ein Bauprojekt zum Nachbau eines frühmittelalterlichen Klosters. Dabei werden soweit möglich ausschließlich Werkzeuge und Arbeitstechniken eingesetzt, die den ursprünglichen Erbauern des Klosters im Mittelalter auch zur Verfügung standen. Kompromisse werden dort eingegangen, wo es darum geht, die Sicherheit der Arbeiterinnen und Arbeiter zu garantieren, beispielsweise mit Sicherheitsschuhen oder Industrieseilen im Gerüstbau.

Ziel des Projektes ist der originalgetreuen Nachbau des St. Galler Klosterplans. Für die Umsetzung hat man ca. 40 Jahre eingeplant. Dafür hat man ein großes Gelände bei der Kleinstadt Meßkirch, nicht weit entfernt vom Bodensee, zur Verfügung.

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Der Bauplan

Der St. Galler Klosterplan ist die Darstellung eines, nach damaliger Vorstellung, idealen Klosters. Er entstand um das Jahr 820 im Kloster Reichenau, ist 112 cm x 77,5 cm groß und auf Pergament geschrieben. Es ist schon erstaunlich, dass ein solches Dokument 1200 Jahre überdauert und immer noch lesbar ist.

Der Plan zeigt Grundrisse von etwa 50 Gebäuden, inklusive deren Name und Funktion.

Archäologische Befunde zeigen jedoch, dass das damalige Kloster St. Gallen nicht exakt mit diesem Plan übereinstimmt. Es wird daher davon ausgegangen, dass dieser Klosterplan zwar Planungsgrundlage für den Bau des Kloster St. Gallen war, jedoch nie 1:1 umgesetzt wurde.

Bei diesem Plan handelt es sich lediglich um eine Grundrisszeichnung mit kleinen Texten zur Erläuterung. Wie die einzelnen Gebäude genau ausgesehen haben, bzw. aussehen hätten sollen, ist daher nicht eindeutig zu klären. Dies herauszufinden ist eines der Ziele von Campus Galli.

Experimentelle Archäologie

Aus dem zweidimensionalen Plan lässt sich nicht erkennen, wie genau die Gebäude aussehen und wie hoch sie sein sollten, welches Material für die Dächer verwendet wurde, mit welchem Werkzeug gearbeitet wurde usw. Campus Galli ist daher auch ein Projekt der experimentellen Archäologie, das versucht durch Experimente herauszufinden, welche Möglichkeiten man zur damaligen Zeit hatte.

Wie so oft bei Experimenten lernt man mehr durch Fehlschläge als durch sofortigen Erfolg. Die Bilder unten zeigen die Schmiede von Campus Galli. Zum Zeitpunkt meines Besuchs hatte das Gebäude noch ein Grassodendach. Doch dieses Dach wurde bei Regen sehr schnell sehr schwer. Bei Sonnenschein trocknete das Dach wiederum schnell ab und wurde leicht. Diese wechselnden Belastungen haben der Holzkonstruktion jedoch so zugesetzt, dass irgendwann die Standfestigkeit beeinträchtigt war. Offensichtlich waren Grassodendächer also für Gebäude dieser Art nicht geeignet. Daher hat man das Grassodendach durch ein Dach aus Holzschindeln ersetzt.

Das Holzschindeldächer im Mittelalter üblich waren ist zwar bekannt, nicht jedoch, wie diese im Detail gebaut wurden, bzw. wie die Schindeln befestigt wurden. Nägel aus Metall gab es zwar, diese mussten jedoch einzeln und von Hand von einem Schmied gefertigt werden. Nägel waren daher extrem teuer und wurden kaum verwendet.

Stattdessen hat man in Campuss Galli Löcher in die Schindeln gebohrt und Holzstifte befestigt. Mit diesen Stiften wurden die Schindeln in die Dachkonstruktion eingehängt. Doch auch diese Methode schlug zuerst fehl. Die Holzstifte zogen sich mit der Zeit zusammen und fielen aus den Löchern heraus und die Schindeln vom Dach. Um dies zu verhindern, mussten anstatt der Holzstifte kleine Holzkeile verwendet werden, die in die Schindeln eingeklopft werden. Das wiederum bedeutet, dass jeder einzelne Holznagel wieder von Hand hergestellt werden muss. Auch hierfür müssen wieder Methoden und Werkzeuge entwickelt werden.

So entsteht nach und nach ein Gebäude, dass genau so im Mittelalter gestanden haben könnte. Und mit genau denselben Methoden hätte gebaut werden können.

Das Gelände des Campus Galli

Das Gelände ist ziemlich groß und kann nahezu komplett frei und ohne Führung erkundet werden. Sinnvollerweise hält man sich dabei mehr oder weniger an den offiziellen Rundgang, um nichts zu verpassen. Denn die einzelnen Teilprojekte sind über das ganze Gelände verteilt. Führungen werden angeboten und sind wahrscheinlich dann sinnvoll, wenn man einen Ausflug mit einer größeren Gruppe plant, oder wenig Zeit hat. Ist man alleine, zu zweit oder mit der Familie unterwegs, ist eine Führung, meiner Meinung nach, jedoch nicht nötig.

Campus Galli beschränkt sich nicht auf den reinen Bau der Gebäude. So weit wie möglich sollen sämtliche benötigten Ressourcen, Materialien, Werkzeuge, Kleidung usw. selbst hergestellt werden.

Der Rundgang führt einen daher über Felder, Weiden und Werkstätten hin zu den verschiedenen Baustellen. An Werkstätten gibt es beispielsweise eine Schmiede, Weberei, Steinmetz, Korbflechterei einen Holzhandwerker und mehr. Die Werkstätten sind während der Öffnungszeiten in Betrieb und die Menschen, die dort arbeiten, beantworten gerne alle Fragen und berichten von ihren Erfahrungen im Projekt. Auf diese Weise erfährt man auch ohne Führung alles Wissenswerte über das Projekt.

Lohnt sich ein Besuch des Campus Galli?

Wie am Anfang des Artikels bereits erwähnt, hat das Projekt nachhaltig Eindruck bei mir hinterlassen. Die jährlich stark steigenden Besucherzahlen lassen darauf schließen, dass es nicht nur mir so geht.

Aufgrund der Größe des Geländes verteilen sich die Menschen gut. Vor den verschiedenen Baustellen und Werkstätten kann es jedoch durchaus zu Schlangen kommen, wenn man ein Gebäude von innen besichtigen will. Wie immer ist das jedoch vom Wetter, Ferienzeit und Wochentag abhängig.

Ich bin auch ein großer Freund von Freilichtmuseen. Und wer Freilichtmuseen mag, dem wird Campus Galli garantiert auch gefallen. Im Gegensatz zu einem Freilichtmuseum ist Campus Galli jedoch total lebendig, da die ganzen Werkstätten und Betriebe tatsächlich bewirtschaftet werden. Die Freundlichkeit, Geduld und Bereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, über ihre Aufgaben und das Projekt zu reden, haben ebenfalls einen großen Beitrag dazu geleistet, dass dieser Ausflug einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen hat.

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