Einer der ersten Stopps auf meinem spontanen Roadtrip mit dem Ghetto-Camper war der ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen.

Wirklich geplant war der Ausflug nicht und ich hatte ursprünglich etwa einen halben Tag dafür eingeplant. Doch der Ort gibt so viel her, dass letztendlich doch ein kompletter Tagesausflug daraus wurde. Mit Wanderung und Besichtigungen.

Lage & Geschichte

Der ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen liegt mitten im Biosphärengebiet Schwäbische Alb und ist etwa 30 Kilometer von Ulm und 50 Kilometer von Stuttgart entfernt.

Das 85.000 Hektar große Biosphärengebiet Schwäbische Alb dient dazu, eine einmalige Kulturlandschaft für künftige Generationen zu schützen, wie sie auf der Schwäbischen Alb bis ins 19. Jahrhundert typisch war.

Da das militärische Sperrgebiet weder bewohnt noch intensiv land- oder Forstwirtschaftlich genutzt wurde, wurde hier eine Landschaft konserviert wie sie außerhalb des Geländes kaum noch anzutreffen ist.

Sowohl vor, als auch während der militärischen Nutzung wurde die Landschaft durch Beweidung mit Schafen freigehalten. So entstand eine weitläufige offene Landschaft, in der sich große Grasflächen mit Wäldern abwechseln.

Bereits im Jahr 1895 wurde das Gelände als Truppenübungsplatz eingerichtet. Kurze Zeit später wurde ein Barackenlager (heute: Altes Lager. Siehe weiter unten) eingerichtet. Die Nazis erweiterten den Truppenübungsplatz in den Jahren 1937-1939 deutlich, wobei auch das Dorf Gruorn verschwinden musste und die damals 660 Einwohner ihre Heimat verloren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Franzosen den Truppenübungsplatz, 1992 wurde dieser an die Bundeswehr übergeben. Ende 2005 wurde der Truppenübungsplatz als solcher aufgegeben und wird heute von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Sparte Bundesforst) betreut und verwaltet.

Rundwanderung über den ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen

Zum Schutz der Natur und da das Gelände nach wie vor mit alter Munition belastet ist, dürfen die markierten Wege auf dem Truppenübungsplatz nicht verlassen werden. Ein etwa 35 km langes Wegenetz ist gesichert, freigegeben und mit gelben Markierungen versehen worden. Auf diesen markierten Wegen darf das Gelände frei erkundet werden. Der ehemalige Truppenübungsplatz ist kostenlos und rund um die Uhr frei zugänglich.

Teil des markierten Wegenetzes ist ein etwa 20 km langer Rundweg durch das Gelände, den ich, ausgehend vom Wanderparkplatz Auingen Hörnle, entlanggewandert bin.

Da man sich immer auf befestigten Wegen bewegt (Teer oder Schotter) ist der rundweg besonders bei Fahrradfahrern beliebt. Für Ausflüge mit Kindern ist der Ort gut geeignet. Angst vor Verkehr muss man nicht haben. Lediglich vereinzelt begegnet man Fahrzeugen von Schäfern.

Immer wieder kommt man an alten Anlagen vorbei, die zur Lagerung, Beobachtung oder Instandhaltung während der militärischen Nutzung dienten. Darunter große Hallen, kleine Hütten, Panzersperren, Bunker und die Überreste einer alten Schießanlage. All das gibt dem Ort den Charme eines Lost Place, eines verlassenen Ortes.

Doch verlassen wurde er nur von den Militärs. Die Tiere sind noch da, wahrscheinlich zahlreicher als je zuvor.

Sofort fällt mir das unglaublich laute Zirpen der Grillen in den Wiesen auf. Grillenzirpen ist zwar nichts Ungewöhnliches, aber in dieser Intensität, dass man es fast als Lärm bezeichnen könnte, habe ich es noch nie erlebt. Wie viel unhörbares Leben in den großen Grasflächen sonst noch existiert lässt sich nur erahnen.

Es ist die Zeit, in der ein Großteil der Tierwelt Junge bekommt. So begegne ich am helllichten Tag mehrere Male Füchsen auf Nahrungssuche.

Die großen Freiflächen werden auch heute noch durch die Beweidung mit Schafen freigehalten. So begegnet man auf dem Rundweg regelmäßig großen Schafherden. Ein Schäfer, mit dem ich gesprochen hatte, sagte, seine Herde hätte etwa 2500 Tiere.

Teilweise führt der Rundweg durch bewaldetes Gebiet, überwiegend jedoch durch große Freiflächen. An einem sonnigen Tag sollte man daher auf keinen Fall den Sonnenschutz vernachlässigen und ausreichend zu trinken mitnehmen. Denn natürlichen Schutz vor der Sonne gibt es wenig.

Die Überreste von Gruorn

Die Ortschaft Gruorn ist 1254 das erste Mal urkundlich erwähnt und hat sich bis Mitte der 1930er Jahre zu einem stattlichen Bauerndorf entwickelt, in welchem etwa 660 Menschen leben.

Dies änderte sich, als die Nazis 1937 den Truppenübungsplatz vergrößern wollten. Den Menschen in Gruorn wurde zwei Jahre Zeit gegeben, um sich eine neue Bleibe zu suchen. Anschließend wurde das Dorf für militärische Übungen genutzt und weitgehend zerstört. Aus Sicherheitsgründen mussten die Ruinen später gesprengt werden.

Lediglich das alte Schulhaus und die Kirche mit Friedhof blieben erhalten. Das große Schulhaus wurde für die militärische Nutzung erhalten. Die Kirche immerhin nicht zerstört, aber dem Zerfall preisgegeben.

Im Schulhaus gibt es heute ein Museum. Außerdem können einfache Speisen und Getränke gekauft werden. Die Kirche wird heute von einem Verein instandgehalten, der seine Arbeit mit Spenden finanziert.

Altes Lager

Das rund 72 Hektar große Alte Lager ist eine Barackensiedlung am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes. Das Lager besteht aus mehr als 200 Gebäuden und wurde etwa Mitte 1897 fertiggestellt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden hier bis zu 20.000 Soldaten und Kriegsgefangene untergebracht.

Im Gegensatz zu heutigen Militärbauten, die einfach zweckmäßig sind, wurde das hier ein Areal errichtet, dass nicht nur zweckmäßig, sondern auch optisch ansprechend ist.

Die Barackengebäude, die zum großen Teil aus Holz gefertigt wurden, wurden teils aufwändig verziert.

Seit 2015 steht das Areal unter Denkmalschutz und befindet sich mittlerweile in Privatbesitz. Unter dem Namen Albgut wird das Gelände heute vielfältig genutzt.

Teile der alten Gebäude wurden aufwändig und gekonnt renoviert. Hier finden sich verschiedene Manufakturen, Veranstaltungsgebäude, Läden und ein Bistro.

Die repräsentativen Gebäuden, die teilweise kleinen Schlösschen ähneln kann man für Veranstaltungen wie z.B. Hochzeiten mieten. Meiner Ansicht nach ein wirklich geeigneter Ort. Es ist verhältnismäßig ruhig, viel Grün und kein Verkehr.

Weiter oben findet man wieder verlassene Gebäude, die dem Gelände wiederum einen Lost-Place-Charakter geben. Ein riesiger betonierter Platz, umgeben von Instandhaltungsgebäuden, sowie ein altes Feuerwehrauto, das noch zwischen den Gebäuden steht. Eine alte Tankstelle und zugewachsenen Gebäuden, wo früher die Duschen der Offiziere waren.

Das Albgut-Gelände ist kostenfrei zugänglich und von Montag bis Sonntag 10-19 Uhr geöffnet.

Fazit

Orte die irgendeine geschichtliche Bedeutung haben faszinieren mich ja grundsätzlich. Das Besondere am ehemaligen Truppenübungsplatz Münsigen ist, dass diese geschichtliche Bedeutung nicht nur in der Vergangenheit liegt.

Der Ort vereint unglaublich viel. Den etwas gruseligen Charme von im Verfall begriffenen Orten. Sowohl die alten Militärgebäude, als auch der verschwundene Ort Gruorn. Die riesigen freien Weideflächen mit teilweise gut sichtbaren Tierwelt. Die Größe des Geländes. Dann die Neunutzung sowohl als Biosphärengebiet, als auch die kommerzielle Neunutzung des Alten Lagers durch Albgut.

Aufgrund der Weitläufigkeit des Geländes eignet sich das Fahrrad natürlich besonders gut zur Erkundung. Gerade auch mit Kindern, da das Gelände für den öffentlichen Verkehr gesperrt.

Ein Gelände wie einen ehemaligen Truppenübungsplatz sinnvoll neu zu nutzen (ohne ihn einfach in Felder und Bauland umzuwandeln) und wieder für die Bevölkerung zugänglich zu machen, ist sicherlich eine riesige Aufgabe. Schön zu sehen, dass dies in Münsingen hervorragend gelungen ist.

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