Vor einiger Zeit habe ich ein Experiment gestartet und den Fernseher in den Abstellraum verbannt. Die Entscheidung dafür war nicht spontan, sondern hat sich über Wochen und Monate entwickelt, in denen sich immer wieder Situationen ergeben haben, in denen mich das große Gerät genervt hat.

Und so ist die Idee entstanden, dass ich das Gerät ja einfach mal aus dem Wohnzimmer entfernen könnte. Einfach nur zum Testen und ohne Druck. Nun ja, mittlerweile sind mehrere Monate vergangen, und der Fernseher ist nicht zurückgekehrt.

Wir haben keine Zeit – Wo ist sie hin?

Ständig hört man den Satz „Ich würde ja gerne dies und das machen, aber ich habe keine Zeit“. Die meisten von uns haben regelmäßig das Gefühl, keine Zeit zu haben und in den meisten Fällen entspricht das Gefühl wahrscheinlich auch der Wahrheit.

Doch wo ist die Zeit hin? Immerhin hat der Tag nach wie vor 24 Stunden.

Ein Grund ist sicher, dass immer mehr Unterhaltungs- und Konsumangebote immer lauter und aggressiver um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Das meiste davon läuft über die vielen Bildschirme, die wir mittlerweile in unserem Besitz haben. Davon das meiste wahrscheinlich über das Smartphone, aber eben auch über den Fernseher.

Immer mehr Streaminganbieter schießen aus dem Boden und immer mehr Serien werden immer schneller produziert. Der Smart-TV präsentiert nach dem Einschalten unaufgefordert die neuesten Trailer und in Zeitschriften und Social Media werden Anzeigen für die neuesten Serien geschaltet.

Sich dieser Flut zu entziehen erfordert schon sehr viel Disziplin, wenn man sich abends nach der Arbeit vor den Fernseher setzt und entspannen will.

Wie sah meine Fernsehnutzung aus?

Mal schnell in die neueste Serie auf Netflix schauen. Wenn sie nicht gut ist, kann man ja immer noch aufhören. Nur hört man eben nicht auf. Und wenn doch, wirbt ja schon der nächste Trailer für die nächste Serie.

Natürlich haben wir auch früher schon sinnlos Zeit vor dem Fernseher verbracht. Mit dem zappen durch die vielen Fernsehsender fing es an. Nur hatte ich vom zappen nach einiger Zeit immer genug und habe den Fernseher dann doch genervt ausgeschaltet.

Selbstverständlich ist der Fernseher an sich weder böse noch schlecht. Wer gezielt ausgesuchte Filme und Serien schaut und die Zeit genießt: Glückwunsch. Mir fällt das schwer. Stattdessen saß ich oft stundenlang vor der Kiste und wusste am Ende des Abends nicht einmal mehr, was ich überhaupt geschaut habe. Fernsehen als Abendroutine, nicht, um einen bestimmten Film oder Serie zu genießen.

Hinzu kommt, dass die Einrichtung des Wohnzimmers durch den Fernseher eingeschränkt wird. Der Fernseher kann bei mir nur an bestimmten Stellen stehen, da durch die Dachfenster immer Licht fällt. Wenn dieses auf den Fernseher fällt, erkennt man auf dem Bildschirm nichts mehr. Und natürlich muss die Sofaecke auch auf den Bildschirm ausgerichtet werden.

Chancen & Herausforderungen ohne Fernseher

All diese Punkte führten dazu, dass ich von dem großen Bildschirm im Wohnzimmer (bzw. von meinem Umgang damit) immer mehr genervt war und ihn schließlich entfernt habe. Und damit kommen neue Chancen und Herausforderungen.

Eine große Chance war, dass ich das Wohnzimmer endlich umstellen konnte. Die Sofaecke ist nicht mehr auf den Fernseher ausgerichtet, sondern schaut in den Raum. Das Wohnzimmer wirkt nun doppelt so groß.

Ebenfalls eine Chance, aber auch eine Herausforderung war (und ist), die Zeit, die ich bisher routinemäßig vor dem Fernseher verbracht habe, jetzt anders zu füllen. Am besten natürlich nicht dadurch, dass ich den Medienkonsum nur auf einen anderen Bildschirm verlagere.

Das Verschwinden des Fernsehers führt im ersten Moment tatsächlich zu einer gewissen Orientierungslosigkeit und Langeweile. Damit muss man sich aktiv auseinandersetzen.

Die einfachste und naheliegendste Möglichkeit die Zeit zu füllen ist natürlich Lesen. Also habe ich abends mal wieder ein Buch gelesen. Dafür hatte ich ja sonst „keine Zeit“.

Und ich habe Bastelprojekte in Angriff genommen, für die ich ja ebenfalls „keine Zeit“ hatte. So habe ich beispielsweise eine Truhe und eine Ablage gebaut, und ein Retro-Radio mit einem Raspberry Pi. Letztendlich ist es ja egal, wie man die Zeit füllt, Hauptsache es bereitet Freude und man entscheidet sich bewusst für die Tätigkeit.

Natürlich schaue ich immer noch Videocontent, aber nun auf dem Laptop. Filme, vor allem aber YouTube. Dadurch schaue ich gezielter die Dinge an, die ich wirklich sehen will. Der Laptop verführt mich einfach nicht in dem Maße dazu, den ganzen Abend davor zu sitzen, wie es der Fernseher tat.

Fazit zum Leben ohne Fernseher

Seit rund einem halben Jahr nutze ich den Fernseher nicht mehr. Seit etwa drei Monaten steht er auch nicht mehr in der Wohnung. Vermisst habe ich ihn erstaunlicherweise nie, sodass ich jetzt entscheiden muss, ob ich ihn endgültig weggebe.

Dass ich nie ein Film- oder Serienjunkie war, hat den Prozess sicher erleichtert, war aber wahrscheinlich auch Teil des Problems. Fernsehen war für mich nur Zeitvertreib und kein Hobby. Eine Abendroutine, mit der ich die Zeit gefüllt habe.

Da der Fernseher weg ist, muss ich mich aktiv damit auseinandersetzen, wie ich diese Zeit nun fülle. Das ist eine Herausforderung, führt aber tatsächlich zu dem Gefühl „Zeit gewonnen zu haben“.

Ich will in diesem Beitrag weder den Fernseher verteufeln, noch dazu aufrufen, diesen bei euch abzuschaffen. Noch weniger ist es ein Aufruf dazu, weniger „Zeit zu verschwenden“ und mehr Selbstoptimierung und Effizienzsteigerung im Privatleben zu betreiben. Bloß nicht!

Es ist ein Aufruf dazu, die eigenen Routinen und das eigene Verhalten immer wieder zu hinterfragen und auf den Prüfstand zu stellen. Und das Experiment zu wagen, diese Routinen über den Haufen zu werden und etwas Neues zu probieren.

Selbst wenn das Experiment scheitert und man zur alten Routine zurückkehrt, ist man mindestens um eine Erfahrung reicher. Und das lohnt sich immer.

In meinem Fall ist das Experiment geglückt. Ein Fernseher wird so schnell nicht in das Wohnzimmer zurückkehren.

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